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Ahnenforschung Birgit Hüttebräucker

Der große Herscheider Dorfbrand am 1. Mai 1862.

Wir schreiben das Jahr 1862. Es ist Donnerstag der Erste Mai am frühen Vormittag. Die Sonne scheint und es herrscht, wie schon in den vergangenen Tagen, sehr trockenes Wetter. Die Herscheider gehen ihren alltäglichen Arbeiten nach. Eine Anzahl junger Männer hat sich schon früh Morgens auf den Weg nach Plettenberg gemacht. Dort findet die Musterung für den Militärdienst statt. Alles deutet auf einen ganz normalen Tag hin.  Doch plötzlich wird es hektisch im Dorf und jemand ruft:  „Feuer, Feuer, es brennt“ …….

So ähnlich wird es sich vor 155 Jahren in unserer Gemeinde zugetragen haben. Dass wir heute noch viele Details über den Ablauf dieses zweiten großen Dorfbrandes kennen, haben wir drei Herscheidern zu verdanken, deren schriftliche Aufzeichnungen über das Unglück erhalten geblieben sind. Als Erstes ist der Pfarrer Wilhelm Spaeing zu erwähnen, der von 1844 bis 1877 in Herscheid tätig war. Er hat den Brand nicht nur miterlebt, sondern diesen auch in einer Chronik beschrieben. Diese handschriftliche Ortschronik über Herscheid befindet sich heute im Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Herscheid. Eine weitere Schilderung stammt von Wilhelm Uerpmann, der im Mai 1862 seiner Schwester in Briefen über das Unglück berichtet. Zwei dieser Briefe sind in der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr Herscheid abgedruckt. Der dritte Bericht stammt von einem Unbekannten Augenzeugen der 50 Jahre nach dem Dorfbrand seine Erinnerungen schildert. Dieser Bericht wurde im Sonntagsblatt der Ev. Kirchengemeinde Herscheid veröffentlicht und lautet folgendermaßen:

Es war gerade der Erste Mai und es mochte gegen 10 Uhr morgens sein. Die meisten jungen Leute waren fort. Es war Ziehung in Plettenberg; auch einige Eltern waren mit, um zu reklamieren. Die anderen Leute waren meist auf dem Lande. Das Wetter war schön und es war sehr trocken für die Jahreszeit. Überhaupt herrschte ungewöhnliche Dürre. Da wohnte einer, der schrieb sich Bauckhage. „In der Hütte“ hieß das Haus; ungefähr wo jetzt Windfuhr im Unterdorf wohnt. Der hatte eine Kettenschmiede mit 2 Mann. Wie es nun richtig gewesen ist, dass weiß keiner. Man sagt, beim Feueranmachen. Einer von den Leuten hätte einen brennenden Strohwisch aus dem Haus getragen. Damit wäre er dem Dach zu nah gekommen. Das war ein Augenblick da brannte es daher. Fast zu gleicher Zeit brannte es auch schon „auf der Nacht“. Es waren ja fast alles Strohdächer. Und dann ein Haus nach dem anderen. In Zeit von einer Viertelstunde brannte das ganze Dorf. An Löschen war nicht zu denken. Es fehlte an Leuten und es fehlte an Wasser. Es wusste auch keiner, was er tun sollte. Jeder rettete, was er retten konnte. Zuerst das Vieh und dann, was sonst im Hause war. Bei Caspar Schmalenbach im Seltershaus verbrannten 4 Kühe und 1 Rind. Bei Hüttebräuckers im Langenhaus 1 Kuh. Auch sonst verschiedenen Ziegen und Schweine. Auch eine Frau, die retten wollte, verbrannte mit. Nämlich die unverheiratete Wilhelmine Stamm „auf der Nacht“. Man sagt, sie hätte den Ausgang nicht wieder finden können. Hinter der Tür wurde sie gefunden. Ganz verkohlt, das war schrecklich. Auch die alte Schule, wo seinerzeit der Lehrer Schäfer wohnte, brannte. Weiter die sogenannte „Langenschmitte“, dann „der Hof“. Verschiedene Schildbürgerstreiche kamen vor. Federkissen wurden ins Feuer geworfen, Spiegel und irdene Töpfe, um sie zu retten, auf die Straße. In der alten Schule wurde sogar im Übereifer die Pumpe mit dem Beil abgehauen! Und was in der Verwirrung sonst nicht alles geschehen ist. Das Feuer ergriff dann das Birschenhaus, ferner Spechtshaus, in welchem zwei Familien wohnten. Auch das alte Pastoratshaus, weiter „Däumershaus“ (jetzt Klempner Cordt) und das Haus auf der Treppe (Uerpmann); „in der Krone“ oder auch „Surenhus“ am Schulplatz (jetzt Bauckhage) und das sogen. „Frohnenhaus“ (jetzt Groll). Auf der anderen Seite der Chaussee das Niggenhus, oder Neuenhaus (Wirt Dunkel), das „Christhus“ (Wirt vom Heede). Zwischen vom Heede und Dunkel stand eine Schmiede, die „Niggenhuser Schmitte“, wo der Hufschmied Volmerhaus wohnte. Auch sie wurde ganz ein Raub der Flammen. Ferner die „Schröerigge“ (jetzt Theodor Fröhling). Die „Lehnerei“ Bräucker, (jetzt Henk), die „Nacht, das damals noch bewohnte „Nachtbackhaus“ und die Teigelschmitte, wo eine einsame Frau wohnte, das „goldene Tor“, endlich das Zweifamilienhaus „aufm Paul (Stahlschmidt und Schulte). Insgesamt über 30 Wohnhäuser, über 50 Gebäude. Von Lüdenscheid, von Plettenberg, von Wenninghausen kamen die Wehren mit ihren Spritzen zu Hilfe. Aber es fehlte an Wasser und Leuten zum pumpen. Uerpmann von der Treppe war Spritzenmeister. Die Feuerglocke erscholl ununterbrochen. Es ist bloß in der „Hütte“, sagten die Leute zuerst. Als es aber bald überall brannte, kam Schrecken und Angst.

Überall wo es was zu Essen gab, gab jeder gern hin. In den Häusern, wo nur das Dach abgebrannt war, konnte gekocht werden. Von auswärts wurden Bohnen Erbsen und Reis geschickt und unter die ganz abgebrannten verteilt. Ebenso Fourage für das Vieh. Frau v. Holtzbrink kam selbst mit einem großen Wagen voll gekochter Erbsensuppe angefahren. Abends um 9 Uhr wurde wieder Feuerlärm geschlagen; aber es war blinder Lärm. In den Trümmern hatte es aufgeflammt. Nachts wurde es ziemlich kalt. Es war eine Nacht voll Schrecken. Pastor Späing stand überall mit Rat und Tat zur Seite, auch der damalige Amtmann Schrader. Überall glühte es noch bis zum folgenden Tage, noch Wochen nachher rauchte es aus den Trümmern. Aber Gott hat unserem Dorf wieder geholfen. Schöner und sauberer als vorher stieg es aus der Asche hervor. Den ganzen Sommer hindurch bis weit in den Winter hinein wurde allenthalben gebaut. Für die kleineren Gebäude und Schmieden wurde der Aufbau verboten. Einige Häuser wurden an anderer Stelle neu erbaut.

Birgit Hüttebräucker April 2017
Quelle:
Sonntagsblatt für die Evangelische Kirchengemeinde Herscheid
Herscheid-In der Huette

Das Haus “in der Hütte” in Herscheid. Von hier aus breitete sich 1862 der große Dorfbrand aus.

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