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Ahnenforschung Birgit Hüttebräucker

Eine Wanderung zur Nordhelle im Jahr 1930

Eine Herbstwanderung.

Von Adolf Göschel (Quelle Süderland Nr. 19 u. 20, Ende Oktober 1930/ 8. Jahrgang)

Ich hasste sie, wenn sie mit dem Südweststurm ihre nassen Arme über die Täler des alten Schwertfegerlandes reckte, dass die Dächer der Osemundhämmer im Hammerweiher zu ersäufen drohten; hasste sie, wenn sie sich mit ihrem breiten Bergrücken gegen die aufkommende Regenwand lehnte und tagelang den Saum ihres Gewandes auf Täler und Schluchten legte, dass es dunkel blieb im Sprühnebel von morgens bis abends. 

Ich wollte fliehen vor ihrer feuchten Umarmung, dahin, wo ihre sagenlieblich umworbenen Schwestern die schieferglänzenden Brüste ihrer Rebenhänge der rheinischen Sonne zuwandten, auf dass Wein wuchs statt wie hier Birkensaft.

Reisefertig eilte ich zum Bahnhof. Irgendein Zug musste doch …. Da legt sich eine schwere Jägerfaust auf meine Schulter, zeigt auf eine der vielen Tafeln, und kopfschüttelnd gehe ich mit dem alten Brackenjäger wieder aus der Bahnhofshalle.

Draußen umhüllt mich das feuchte, talaufwärts webende Gewand der verhassten. Das kühlt die heiße, heimatsehnende Stirn. Ich schaue dem alten Graukopf, der mich ein Stück Wegs begleitet, ins Gesicht. Die Narbe an seiner linken Backe ist an fünfzig Jahre alt und stammt von Mars-la-Tour. Das weiß ich, aber die tiefen kummervollen Falten auf seiner Stirne; die sind dem Alten von einem jungen Schicksal eingegraben, und sie erzählen von einem  anderen Krieg.

Da fasse ich den Krückstock fester, fülle mir mit des Alten Wegzehrung, dem Sorgenbrecher Wacholder, die kleine Aluminiumflasche und wandere dem Berg zu. Durch den Nebel will ich zu ihr dringen über die Rüenhardt, zu ihr, die ich hasste, die ewig Sonnenlose, wie ich sie wähnte – Nordhelle. 

Es ist tief im Herbst. Die alte Fehmlinde auf der Sirriner Höhe schaut blattlos auf den Wanderer herab. Eisenketten umklammern ihren hohlen Stamm; die glühende Farbenpracht des Waldes liegt tot am Boden; und je höher ich in die Berge des Sauerlandes steige, desto mehr zeigt mir das Land seine raue Faust und Stimme. Denn des Brackengejaides Ruf, der zu mir herüberschallt, ist hart und reifhell und so anders als in akazienbestandener Niederung des rheinischen Sandbeckens der Standlaut des findenden Vorstehhundes. - Sie sind in Pungelscheid am Jagen, von dorther klingt Brackengeläut; hallt ein Schuß; klappt ein totwundes Wild, bis alles verebbt von Kuppe zu Kuppe hinter der Molmert Bergrücken.

Da schreite ich weiter an Marlin und Danklin vorüber durch Wacholderbüsche, mannesgroße mit noch grünen Beeren und blauen ausgereiften. Der Nebel hat sich gelichtet, und vor mir liegt Herscheid, das trotzige Berg- und Bauerndorf, aus dessen Mitte sich die Grafen von der Mark mit Vorliebe ihre streitbaren Vasallen wählten. Mit alten Privilegien blieben ihre Nachkommen bis heutigen Tages belohnt, und ihre Jagdgerechtsame reicht weit über die Berge des Sauerlandes bis Menden.

Kurze Rast auf der Bank vor des Küsters Haus, und ich schreite weiter. Noch eine kleine Anhöhe ist zu überwinden, dann erreiche ich Reblin, das Eierkuchendorf, und vor diesem erhebt sich in seiner 30 km breiten Ausdehnung der massige Gebirgszug, das Ziel meiner Wanderfahrt.

Nur für einige Augenblicke bleibt er sichtbar, dann stürzen sich Wolken und Sprühregen in wütendem Chaos drüber weg. Ein gespenstisch brauendes Nebelkleid hebt und senkt sich wieder, schlägt Falten und erstarrt schließlich zu einer regungslosen weißen Wand. Dahinter liegt Nordhellens Reich.

Ich kenne ihre Launen, und um nicht erhitzt auf dem Gebirgskamm anzulangen, suche ich nach einem Träger im Dorf. Aber wegen Nordhellens Unbeständigkeit scheut sich jeder, den Trägerlohn zu verdienen; sie wollen nicht mit durch die Nebelwand und erzählen Geschichten. 

Vor fünf Jahren, noch mitten im Oktober, ist der Schöttler Mathes vom Schneesturm überrascht worden. Nicht ein noch aus hat er mehr gewusst und hat vier Stunden gebraucht, um sich wieder zurechtzufinden. Und vor drei Jahren; der Hüttebräuker, bei steinhartem Frost ist er über den Rotenstein gegangen. Da ist aus dem frostklarem Himmel der Blitz neben ihm in die Wetterfichte gefahren; drei Wochen hatte er seine Sprache verloren. Der blonde, jungverheiratete Förster aber von Kückelheim hat sich nicht irremachen lassen, und in einer der Weihnächte hat er einen Dienstgang vorgeschützt und ist nach Süden gegangen, und als er vom Rotenstein die Lichter im oberbergischen Lande erblickte, hat er heimlich den blinkenden Trauring vom Finger gestreift und in die Jagdtasche geschoben  -  und ist nirgends mehr gesehen worden und nie wieder zu seiner Dienststelle zurückgekehrt. Die Mädchen von Reblin sagen, Nordhelle habe ihn gestraft, weil er eine sündige Liebe im Herzen getragen habe. 

Da fegt ein Windstoß durch die blonden Locken der bangen Erzählerinnen. In halber Gebirgshöhe wird die Wetterfichte sichtbar, und langsam schlägt Nordhelle ihr Ueberkleid zurück, dass der schmale gewundene Steg sichtbar wird, durch den ich mählich durchs Heidekraut emporsteige. 

Allein, ohne Träger geht’s hinauf durch die hartgrünen Blätter der Preißelbeeren, aus denen mir rote Korallen entgegenblinken. Hier und da stäubt es gelblich aus dem Grünen auf, denn mein Fuß ist an blühendes Lycopodium gestoßen, und gelbbestaubt bleibt der Wanderschuh vom Hexenmehl der Apothekerpflanze. 

Im Faltengewande Nordhellens rauscht Flügelschlag; ein sichernder Urhahn ist abgeritten, sein kleiner Better, der schwarzkehlige Haselhahn, hat ihn gewarnt. Ein Fuchs verschwindet in der Dickung gespenstisch großer, ihn schützender Arme der Krüppelkiefern. Dann wiegt wieder der einsame Berg seinen Nebelschleier über mir, und der nahe Gipfel scheint in unermeßliche Ferne zu rücken. Vor und hinter mir schlagende windgepeitschte weiße Fetzen.

----- Dann Totenstille. ---- Es ist vorübergeritten, Wodes jagdzorniges Heer. In der Ferne nur klingt noch ein heulender, hetzender Ton. Dort sind sie hingeritten, wo das Reh klagte, im Siepen hinter der Molmert Bergrücken. 

Die durchhetzte Stille, in die ich weiterwandernd Auge und Ohr anspanne, belebt sich jetzt sanft in Nordhellens Schoß. Ein warmer Hauch sagt mir, dass ich den Gipfel dem Süden entgegen überschreite. Lockende Töne des beerensuchenden Birkwildes, das geduckt vor der wilden Jagd sitzen geblieben und von meinem Hund im Berghang gefunden ist, werden laut, und mit einem Male hebt Nordhelle, das unergründliche Weib; ihren Zauberstab. Reblin und Valbert verschwinden in ihrem zu Tale fallenden Mantel. Ein Atmen geht durch ihren gewaltigen Bergkörper. Es ist, als wollte sie mich einen Blick tun lassen in ihr waldumrauschtes deutsche Herz, das so tief es auch im Wechsel der Zeit getroffen wurde, so hart es sich auch zu verschließen scheint, immer noch eine Schönheit zu offenbaren hat dem, der sie sucht. Ueber mir beleuchtet die Sonne in goldenen Strahlen den Gipfel. Neben mir aber schiebt sich kulissenartig die Nebelwand zurück. Eine Gewaltige Wetterfichte erscheint. Haarscharf heben sich ihre grünen Nadelzweige von dem weißbrauenden Hintergrunde ab, und im Hinschauen bietet sich mir ein Bild, das mein Jägerherz höher schlagen lässt. Glanzschwarze Federsicheln hängen nach rechts und links gebogen von den grünen Zweigen herab. Ein wenig wippende Bewegung scheint drin, und wie die alte Fichte ganz nebelfrei kaum zehn Schritte von mir dasteht, erkenne ich meine ritterlichen Minnesänger. Ein Flug Birkwild hat im Nebel hier aufgebaumt, alles Hähne, wie sie sich im Herbste zusammenfinden, nach Aesung ziehend. Und sie lassen es ruhig geschehen, dass Nordhelle sachte ihren hüllenden Schleier von ihren buntschillernden Federn nimmt, bis es ganz klar geworden rings um den Gipfel, so glockenklar, dass einen Aufstieg eine herrliche Fernsicht belohnt über das Sauerland bis weit dorthin, wo die Berge des Rheines herübergrüßen. 

Aus dem Siepen kommt der Förster über den Dohnenstieg herauf, die Schonzeitbüchse über der Schulte, ganz der alte Hüter des alten Berglandes und doch nicht derselbe mehr.-- Da, wo der Kaiseradler am grauen Försterhute, steckt ein kleiner grüner Zweig, und ein Beerlein leuchtet daraus, rot wie das Herzblut Nordhellens, der herben Bergmaid im einsamen Ebbegebirge.

 

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