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Ahnenforschung Birgit Hüttebräucker

Die letzte Postkutsche von Herscheid nach Plettenberg 1915

Halli, Hallo! Mit Peitschenknall -- Zum letzten Mal!

Am Mittwoch Abend wird unsere Plettenberger Post zum letzten Mal zu uns herauf ihren Weg suchen; am Donnerstag früh 7,10 Uhr ab Herscheid die letzte Fahrt hinab antreten. Hoffentlich im gemütlichen Schritt eine gute Strecke weit, damit wir Zeit haben der blumenbekränzten ein letztes Lebewohl zu winken und zu singen: „Scheiden und Meiden tut weh“.

Die gelbe Postkutsche zwischen unsern Bergen hat so oft unser Auge still erfreut; sie hat uns so manches Mal als müde Wanderer getragen und im gemächlichen Trab und wiegender Schaukelbewegung in Schlaf gelullt, dass wir sie nicht vergessen werden. Freilich auch nicht vergessen wie hart und unsanft uns die weichen Polster oft gestoßen, wie oft wir in kerkerhaftiger Engigkeit qualvoll gedrängt Stunden ausharrten der klappernden Kälte des Winters, des tiefen Schnees und unfreiwilligen Aufenthalts, ja auch so mancher gefährlichen, doch stetes gut abgelaufenen „Landung“. Immerhin wir haben sie lieb gehabt, unser „Pöstchen“ und wir fühlen, dass mit ihr nicht nur ein Stück Herscheider Geschichte zu den Akten geht, sondern auch ein Stück aus Herscheids goldenen Kindertagen zu Grabe getragen wird. Herscheid wird ein Mann und legt ab, was kindisch ist. „Darum dies Scheiden macht, dass uns das Herze lacht“. Wir wissen, dass wir jetzt leichter und schneller den begehrten Schritt in die weite Welt hinaus tun können und die weite Welt zu uns hinauf auf den glatten Schienensträngen unserer neuen Eisenbahn. So überwiegt die Freude des Neuen bei weitem den Schmerz über das Alte.

Die letzte Postfahrt weckt die Erinnerung an die vergangenen Zeiten, deren sich unsere Alten noch zu erinnern wissen. Die Plettenberger ist die älteste und erste unserer Postverbindungen. Die Lüdenscheider ist sehr viel jüngeren Datums. Die alte Poststraße führte über Elsen und Wiebruch, hinter den Häusern an der Ostseite des Kirchplatzes vorbei über den „Hof“ bis zur Posthalterei im „Seltershaus“ wo der erste Postverwalter der Landwirt, Wirt und Bäcker Caspar Schmalenbach war. Nach der Zerstörung des Hauses durch den großen Brand im Jahr 1862 wurde die Agentur öfter verlegt. Lange Zeit war sie in Verwaltung von Hch. vom Heede und dessen Sohn Emil vom Heede, welcher u.a. auch das Straßengeld vereinnahmte. In den 70ger Jahren war das Postbüro im Hause „auf dem Friedhof“ (jetzt [1915] Apotheke), zuletzt im Hause des Gastwirts Wilhelm Schürmann. In der Reihe der Postagenten fand viel Wechsel und bedauerliche Unregelmäßigkeiten statt, bis endlich die Umwandlung der Agentur in ein ordentliches Postamt 3. Klasse im Jahr 1881 eine der Entwicklung der Gemeinde entsprechende Gewähr schuf. Das jetzige Postgebäude wurde in dem Jahre 1890 aufgeführt.

Die Besorgung der damals noch seltenen Briefe lag anfangs dem Postverwalter selbst ob. Dann versah das Austrägeramt lange Zeit der Polizeidiener Höhborn und dessen Sohn. In lebhafter Erinnerung ist manchem Alten auch der damals noch einzige erste Briefträger Fink, welcher nur einen Arm hatte.

Die Postverbindung war anfangs nur 2 Mal wöchentlich. Der Bote traf gewöhnlich morgens früh um 8 Uhr von Plettenberg kommend im Dorfe ein und barg in seinem Tornister bequem die Postsachen der ganzen Gemeinde. Auch die ersten Siegesnachrichten in der Kriegszeit brachte er mit. Neben der Botenpost, welche bald täglich ging und kam, fuhr frühzeitig schon eine zweirädrige Karriolpost, die mittags gegen 2 Uhr eintraf und um 5 Uhr ungefähr abfuhr. Unsere jetzt verabschiedete Personenpost scheint erst Ende der 70er Jahre nach Regelung der deutschen Einheits, bzw. Reichspost eingerichtet worden zu sein.

Über die Entwicklung unseres Postamts mögen die nachfolgenden Zahlen aus der Statistik des Jahres 1912/13 einigen Aufschluss zu geben. Bestellt wurden damals 130 281 Briefe und Postkarten, ferner 3632 Nachnahmesendungen wie 11 182 Pakete; aufgegeben wurden 120 107 Postkarten und Postkarten und Briefe, ferner 3331 Pakete; Postanweisungen wurden eingezahlt im Werte von 278 846 M. , ausgezahlt 151 080 M; der Betrag der Zahlkarten betrug 397 943 M, der Betrag der Zahlungsanweisungen betrug 158 425 M, die Zahl der Fernsprechstellen betrug 45.

1915 letzte Post
Birgit Hüttebräucker 2015
Quelle: Sonntagsblatt für die evangelische Gemeinde Herscheid 1915)
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