FB
Ahnenforschung Birgit Hüttebräucker

Erinnerungen an das Sedanfest in Herscheid

Birgit Hüttebräucker August 2020
Quellen:
-Chronik der Schule Elsen
-Sonntagsblatt der evangelischen Kirchengemeinde Herscheid

Schützenfest, Frühjahrsmarkt, Landmarkt, Bergfest – all diese Feiern sind den Herscheidern heute bekannt. Selbst an das  Wehrfest können sich noch einige wenige Personen erinnern. Fragt man jedoch nach dem Sedanfest – dann erntet man allerhöchstens fragende Blicke und Achselzucken.   Das ist nicht verwunderlich, denn man muss auch schon ganz schön weit im Kalender zurückblättern um den Grund für dieses Fest zu erfahren – nämlich genau 150 Jahre. Am 1. Und 2. September 1870 fand  in der Nähe der französischen Stadt Sedan die entscheidende Schlacht im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 statt. Die Kapitulation der französischen Armee und die Gefangennahme von Kaiser Napoleon III.  war einer der größten Siege in der Geschichte Preußens. 

Zur Erinnerung an dieses  Ereignis wurde ab 1873 jedes Jahr am 2. September  der sogenannte Sedantag begangenen. Bisher vorhandenen Aufzeichnungen kann man nicht nur entnehmen dass dieser Tag  in Herscheid überwiegend für Kinder gedacht war sondern auch wie er begangen wurde.

In einer Chronik der Schule Elsen, die sich im Archiv der evangelischen Kirche befindet, schreibt der Chronist im Jahre 1878:

Nach Übereinkunft feierte die hiesige Schule mit den beiden Herscheider Schulen das Sedansfest zusammen. Nachdem die Schulfeier beendet, welche für jede Schule besonders an den betreffenden Schullokalen abgehalten wurde, zogen die Kinder hiesiger Schule in geordneten Reihen nach Herscheid. Als  Beginn der gemeinschaftlichen Feier wurde unter klingendem Spiel und fliegenden Fahnen ein Festzug durchs Dorf gemacht. Nachdem die Kinder bewirtet, wurden dieselben abermals aufgestellt und geordnet und nach einer Ansprache beim Krieger-Denkmal begab sich Jung und Alt zu einem freien Platze, wo durch Spiele, Wettlaufen u.s.w. verschiedene Preise an die Kinder verteilt wurden. Gegen 6 ½ [Uhr] gingen die Kinder nach Hause und jeder sagte sich: Wir haben das Sedanfest in würdiger Weise gefeiert.

 In den beiden darauffolgenden Jahren sind die Berichte über den Ablauf ähnlich. 1884 bis 1887 scheint sich das Fest allmählich zu wandeln. Der Umzug von Elsen nach Herscheid findet nicht mehr statt  und die Feierlichkeiten beschränken sich auf das nähere Umfeld der Schule. Der Lehrer der die Chronik geschrieben hat vermerkt im Jahr 1886:

 Am heutigen Tage fand in hiesiger Schule die Sedanfeier statt. Die Kinder versammelten sich gegen ½ 11 Uhr in dem festlich geschmückten Schulsale. Die eigentliche Schulfeier verlief in gewöhnlicher Weise unter Ansprache an die Kinder über Bedeutung des Tages, (Sedan als Geburtstag des einigen Deutschlands). Unterbrochen durch Gesang patriotischer Vorträge u. Deklamationen [Anmerkung: kunstgerechtes Vortragen eines Gedichts] Nach der Schulfeier Kleine Pause. – Nach derselben versammelten sich die Kinder wieder im Schullokale. Dort wurden dieselben bewirtet mit Kaffe u. Gebäck. Nach dem Kaffetrinken wurde ein gemeinschaftlicher Spaziergang in den nahen Schultigen Wald unternommen. Unter Gesang und Spiel verging die Zeit. Die Kinder versammelten sich noch einmal im Schulsale u. stärkten sich zunächst wieder durch eine Tasse Kaffe mit  etwas Gebäck. Schluss der Feier gegen 4. Uhr.

Ob es von den folgenden Jahren weitere Aufzeichnungen über das Sedanfest in Herscheid gibt ist bisher nicht bekannt. Die nächsten Aufzeichnungen über diesen Gedenktag  finden sich im Sonntagsblatt der evangelischen Kirchengemeinde Herscheid berichtete. Dort kündigt Pfarrer Arnold zur Nieden er am 27. August 1911 an:

Es wird die Leser des Sonntagsblattes gewiß interessieren zu hören, daß unsere Schulen das leider in Vergessenheit geratene schöne Sedanfest in diesem Jahre aufs neue zu feiern beabsichtigen. Soweit der Herausgeber in Erfahrung bringen konnte, ist das Sedanfest vor ca. 15 Jahren zuletzt in Herscheid öffentlich begangen worden. Es wäre bedauerlich, wenn es damals das letzte Mal gewesen wäre. Sedan darf nicht vergessen werden! So werden sich denn  am Sonnabend den 2. September, die sämtlichen Schüler aller 6 Schulen der Gemeinde in Herscheid versammeln, den großen deutschen Ehrentag gemeinsam zu begehen. Ein Trommler und Pfeiferchor hat bereits fleißig studiert. Spiele, Reigen und Aufführung sind in Vorbereitung. Seitens des Wehrverein ist dankenswerterweise die Kaiserhalle sowie das gesamte Kaffeegeschirr zur Benutzung freigestellt. An Kaffee und Kuchen soll es nicht fehlen. Alle Eltern und Freunde der Sache sind hierdurch herzlich eingeladen.

Von diesem Ereignis gibt es zwei Foto-Ansichtskarten, die auf der Lüdenscheider Straße aufgenommen wurden. Der Fotograf stand damals etwas oberhalb der heutigen Dorfapotheke . Auf den Bildern erkennt man auf der anderen Straßenseite das heutige Haus  der Familie Schröder, daneben einen Teil  des Hauses in dem sich heute die Eisdiele befindet. Das dritte Haus, von dem man nur noch ein kleines Stück  sieht, ist die Wilhelmshöhe (heute Damianos). Auf der ersten Ansichtskarte sieht man den, von  Pfarrer zur Nieden genannten Trommler und Pfeiferchor. Auf der zweiten Karte folgen die , mit Blumenkränzen geschmückten Mädchen die laut Programm einen Tanz aufführten. Dahinter folgen die Schulkinder begleitet von den Lehrern. Diese beiden Ansichtskarten runden den Bericht  des Pfarrers ab,  und belegen dass es bei der Wiederbelebung des Sedanfest im Jahr 1911 mehr oder weniger um ein Fest mit Spiel und Spaß für die Kinder handelte. Das änderte sich dann aber schon im nächsten Jahr denn der Sedantag wurde militarisiert.

Sedantag1

So schreibt Pfarrer zur Nieden im September 1912 von einem geplanten Sedan-Kriegsspiel und einer großen Schlacht am Rahlenberg. Eine Schlacht ohne Blut und doch mit Kanonendonner und Flintengeknatter und- was das schönste war – mit Sedanbegeisterung die der vor 42 Jahren fast Konkurrenz machen konnte. Ausführlich beschreibt er das Geschehen, das zwischen Wiebruch, Rahlenberg und Borg stattfand.  Unter anderem schreibt er :Zwei Armeen sind im Anmarsch, die eine von Elsen her, die andere aus dem Tal der Schönebecke. Am Ende dieses Kriegsspiels berichtet er, dass die Krieger gemeinsam zur Steinert zogen.  Hier war vor Alberts Haus ein buntes Schauspiel. An die 500 Kinder begehrten ihre Butterbrote und ihre gefüllten Tassen.

Letztmalig fand das Sedanfest in Herscheid anscheinend  im Jahr 1913 statt. Auch in dem Jahr stand der militärische Ablauf im Vordergrund und Pfarrer Arnold zur Nieden berichtet im Sonntagsblatt wieder in gewohnt lebhafte Weise darüber.  Ob der Gedenktag in Herscheid noch einmal gefeiert wurde, darüber gibt  es bisher keinerlei  Hinweise. Bekannt ist, dass in den nachfolgenden Jahren das Interesse am Sedanstag generell allmählich nachließ. Eine Rolle dürfte dabei auch der Ausbruch des ersten Weltkriegs gewesen sein. Im August 1919 wurde der Gedenktag vom Innenministerium der Weimarere Republik ganz abgeschafft, weil er als nicht mehr zeitgemäß galt. Durch die beiden Weltkriege rückte der Krieg 1870-71 und damit auch der Sedantag weit in den Hintergrund und ist daher heute kaum noch in Erinnerung.

Home | Mein Hobby | Familien | Stammbaum | Hüttebr. Rahmede | Ein Haus erzählt | Adressbücher | Fam. Namen | Herscheid-Damals | Brüninghausen | Verschiedenes | Namenindex | Bildergalerie | Presseberichte | Links | Impressum |

 © Birgit Hüttebräucker 2003-2022